Lernen – aber wie?

Wenn Sie Schulminister wären, würden wir in 30 Jahren wirklich nur noch T-Shirts für China nähen.

Es ist genau umgekehrt: Wenn wir unsere Kinder schon mit zwölf so verdummen lassen, dann sind sie mit 19 gerade mal noch imstande, den nächsten Bildschirm aus China zu kaufen, weil sie kein Weltwissen mehr haben.

Was brauchen Kinder aus Ihrer Sicht als Hirnforscher?

Wir schauen den Gehirnen mit unseren Scannern ja bei der Arbeit zu, und am aktivsten sind sie, wenn Menschen mit Menschen zu tun haben. Ältere Menschen fragen mich oft, ob das tägliche Lösen von Kreuzworträtseln gutes „Gehirnjogging“ gegen Alzheimer sei. Meine Antwort lautet immer: Wenn Sie jeden Tag einen Enkel hüten würden, wär das für Ihr Gehirn besser, weil es stärker gefordert wäre.

Gilt das auch für Kinder?

Ja. Ein Beispiel: In einer Studie hat man Schüler gefilmt, die Bruchrechnen lernen sollen. In der US-amerikanischen Klasse erklärt der Lehrer, wie es geht und teilt dann Zettel mit Aufgaben aus, die jeder für sich allein lösen muss. In der japanischen Schule dagegen teilt der Lehrer die Klasse in zwei Gruppen, und jede Gruppe soll sich für die jeweils andere Gruppe Aufgaben ausdenken. Ist doch klar, was passiert: Die sind mit Eifer dabei, den anderen möglichst harte Nüsse zu geben – da laufen Impulse durch die Synapsen, dass es eine Freude ist.

Dass man mit Spaß besser lernt als ohne Spaß, ist doch eine banale Erkenntnis.

Ja, das ist banal, aber deshalb nicht falsch. Und wenn ich als Hirnforscher die Gelegenheit habe, diese Banalität durch neueste wissenschaftliche Erkenntnisse zu untermauern und wieder in Erinnerung zu rufen, dann mache ich das gerne. Die neurobiologische Forschung zeigt ganz klar, wie wichtig Aufmerksamkeit, Motivation und „affektives Mitschwingen“ sind. Wir wissen heute, dass die Lernfähigkeit unserer neuronalen Areale entscheidend mit dieser positiven affektiven Beteiligung des Lernenden zusammenhängt.

Warum schaffen es trotzdem so wenige Lehrer, diesen Spaß am Lernen in den Kindern zu wecken?

Die übliche Lehrerschelte in den Medien halte ich für ungerechtfertigt, es gibt sehr viele sehr gute Lehrer. Aber sie haben es auch nicht leicht. Früher mussten Kinder bei der Heuernte und beim Kartoffellesen helfen, da war Schule für sie eine spannende Alternative. Heute gilt alles andere als viel spannender und die Schule nur noch als langweilig. Für viele Schüler ist Schule heute eine unangenehme Unterbrechung ihrer Freizeit, und die besteht nun mal häufig aus Fernsehen und Computerspielen.

Allerschlechteste Lernvoraussetzungen also.


Ja. Freiburger Kollegen haben dazu vor einigen Jahren eine interessante Studie gemacht. An mehr als 200 Schülern maßen sie während 23 Stunden Herzfrequenz, Blutdruck und Hautwiderstand, also Größen, die über die emotionale Erregtheit Auskunft geben. Ergebnis: Während die Schüler immer wieder behaupten, sie hätten großen „Schulstress“, sind sie rein physiologisch kurz vor dem Tiefschlaf, ihre emotionale Beteiligung ist vollkommen am Boden. Am Nachmittag dagegen vor dem Bildschirm gehen die Emotionen rauf und runter, aber die Kinder sagen, sie würden sich dabei entspannen. Was können Lehrer noch tun, wenn sie vor dösenden, übermüdeten Kindern stehen, die erst wieder beim Computerspiel am Nachmittag richtig aufwachen?

Sie können doch Lehrer nicht pauschal von ihrer Verantwortung freisprechen.

Will ich auch nicht, die mit Abstand wichtigste Variable für den Lernerfolg ist der Lehrer. Aber die schwache Aufnahmebereitschaft und -fähigkeit der Schüler ist ein wichtiges Faktum.

Also?

An jede erziehungswissenschaftliche Fakultät einer Uni, an jede Pädagogische Hochschule gehört eine Schule, mittenrein, die Professoren und Studenten müssen täglich über Schüler stolpern.

Und dann würden die Lehrer besser?

In der Schule wird zu früh und zu schnell abstrahiert, es werden zu früh Regeln als Regeln vermittelt. Lernen heißt, Beispiele durcharbeiten oder selbst durch Handeln generieren, das Gehirn leitet daraus von selbst die Regeln ab. Die Grammatikregeln unserer Muttersprache lernen wir völlig unbewusst.

Ein Beispiel?

Meine Lieblingsregel der deutschen Grammatik lautet: Verben auf „-ieren“ bilden das Partizip ohne „ge-“: interessieren– interessiert; spazieren – spaziert. Das machen Sie richtig ohne nachzudenken.

Nun ja, diese Wörter haben wir halt als Kleinkinder gelernt. Das beweist noch nicht, dass unser Unterbewusstsein Regeln beherrscht.

Ich kann Ihnen beweisen, dass Sie die Regel beherrschen. Wie lautet das Partizip von „quangen“?

Gequangt.

Und von „patieren“?

Patiert.

Sehen Sie: Sie können Wörter beugen, die es nicht mal gibt. Ihr Gehirn hat nicht alle je gehörten Verben und ihre verschiedenen Formen in einer Excel-Tabelle gespeichert, sondern eine Regel gebildet, die Sie bei Bedarf richtig anwenden.

Fremdsprachen lernt man nicht so leicht. Wie unterrichtet man die am besten?

Falsch ist es, wenn man die Grundschullehrerin dazu zwingt, Englisch zu unterrichten, obwohl sie es nicht wirklich kann. Dann quält sie sich, was die Kinder nach fünf Minuten merken und die Regel verinnerlichen: Fremdsprache macht keinen Spaß. Und dann wird das natürlich auch mit dem Lernen nichts. Ganz anders, wenn man zum Beispiel einen Amerikaner hat, der den Sportunterricht auf Englisch macht.

Herr Spitzer, Sie schreiben Bücher, halten Vorträge, forschen, mischen sich in bildungspolitische Fragen ein. Ziemlich viel auf einmal.

Ich bin hoch motiviert, die Bildungslandschaft zu verändern, weil ich überzeugt bin, dass wir das Wissen der Hirnforschung noch viel besser nutzen können, nicht nur in den Schulen. Ich schaffe das alles auch deshalb, weil ich keine Minute vor dem Fernseher vergeude.