Bemerkungen zum Thema Sekundarschule
Das Rad wurde mit der neuen geplanten Sekundarschule erneut erfunden.
Ziel ist das längere gemeinsame Lernen aller Schüler. Dieser Ansatz ist sicherlich zunächst lobenswert. Ist er aber auch realistisch?
Wenn man sich mit der Meinung von verschiedenen Gutachtern auseinandersetzt, wird man sicher auch verschiedene Meinungen haben. Tatsache ist und bleibt es jedoch, dass nicht alle Schüler gleich sind, dass alle Schüler dort abgeholt werden müssen, wo sie stehen. Für den klassischen Hauptschüler bedeutet dies zunächst einmal eine grundsätzliche Wiederholung des Grundschulstoffs ab Klasse 3. Im ersten Halbjahr müssen wir sehr viel Arbeit investieren, um diese Schüler aus einer 2-jährigen Frustration wieder in den Spass am Lernen zu bekommen.
Wie dies gehen soll, wenn im gleichen Klassenraum Realschüler und auch Gymnasialschüler sitzen, ist zwar mit dem Begriff der inneren Differenzierung leich umschrieben, aber in der Praxis nicht einfach durchzuführen. Ein Beispiel: Kein Mensch käme auf die Idee, Arbeitspferde (Kaltblüter) und Rennpferde (Warmblüter) mit dem gleichen Trainingsprogramm zu trainieren. Auch stellt sich die Frage der Wertigkeit nicht. Wenn man aber aus allen Pferden Rennpferde machen möchte, ist dies zum kläglichen Scheitern verurteilt. (Außerdem sind Arbeitspferde produktiver als Rennpferde!)
Wenn man über die Pisastudie auf den Erfolg der Finnen mit ihrer Gemeinschaftsschule verweist, muss man sich aber auch mit diesem Schulsystem näher befassen.
Keine Klasse hat mehr als 18 Schüler; meist gibt es einen zweiten Assistenzlehrer, der besonders fördert; alle Schulen haben einen Schulpsychologen und einen Sozialarbeiter; alle Schulen verfügen über genügend finanzielle Mittel, um sich modernsten Erkenntnissen auch stellen zu können. Wenn in Deutschland diese Bedingungen zutreffen würden, bräuchte man die Schulformdiskussion nicht zu führen.
Aber zurück zu den Tatsachen!
Auch wenn ich überzeugter Hauptschullehrer bin, bin ich nicht blauäugig, was die Zukunft von Hauptschulen im Kreis Viersen betrifft. Ist aber eine Sekundarschulgründung die beste Lösung???
Dazu muss man erst die Schwalmtaler Situation betrachten. Die Janusz-Korczak-Realschule hat einen guten Ruf, auch das St-Wolfhelm-Gymnasium ist in Schwalmtal anerkannt. Wenn jetzt über die Gründung einer Sekundarschule nachgedacht werden sollte, frage ich mich: Welche Schüler bleiben für diese Schulform übrig?
Wenn über die Schließung der Europaschule Schwalmtal diskutiert wird, diskutiert man in Ratskreisen auch die Option, eine Sekundarschule in Niederkrüchten zu favorisieren. Werden Schwalmtaler Eltern ihre Kinder in Niederkrüchten anmelden???
In Dülken soll eine Sekundarschule gegründet werden. Die hiesige Realschule erhält mehr als eine Klasse aus dem Raum Dülken. Werden die Dülkener Eltern ihre Kinder weiterhin in Waldniel anmelden oder sinkt die Schülerzahl dort so, dass genügend Platz für Schwalmtaler (Haupt-) Schüler vorhanden ist? Dann ist eine Sekundarschule in Niederkrüchten gefährdet.
Wenn man mit Eltern spricht, dies tue ich sehr oft, dann wird man erkennen, dass Gesamtschulen die erste Wahl sind. Nur weil Gesamtschulen sich auf dem “Schülermarkt” frei bedienen und damit eine bestimmte Gruppe von leistungschwächeren Schülern ablehnen konnten, überlebten die Hauptschulen im Kreis Viersen und damit teilweise auch wir. Da aber die Schülerzahlen im Allgemeinen zurückgehen, nimmt die Zahl der Ablehnungen der Gesamtschulen auch ab. Inwieweit trifft dies dann Realschule und Gymnasium in Schwalmtal zusätzlich?
Dies sind alles organisatorische Überlegungen. Wo bleiben dabei die pädagogischen Erwägungen?
Dazu noch einmal zurück zu meinem “Pferdebild”! Wenn nicht alle Pferdearten das gleiche Training absolvieren können, dann ist die Größe eines gemeinsamen Pferdehofs sehr wichtig. Jegrößer der Pferdehof desto mehr Trainingsgruppen und damit bessere Förderungen können angeboten werden. Eine kleine Sekundarschule ist da schon schwer im Nachteil.
Für die Gründung einer Sekundarschule sind 3 Klassen notwendig, die zumindest am Anfang integriert nach Gymnasial- und Realschulplänen unterrichtet werden sollen. Die Wahrscheinlichkeit ist jedoch sehr groß, dass man versuchen wird homogenere Lerngruppen zusammen zu fassen. Man bildet evtl. eine Hauptschulklasse, eine Realschulklasse und eine Gymnasialklasse. Dann ist der Effekt des gemeinsamen Lernens dahin und sortiert Schüler direkt aus. Wenn man wirklich integriert unterrichten will, bestimmt aber der langsamste Schüler das allgemeine Lerntempo und bremst damit andere Schüler aus. Individuelle Förderung und Binnendifferenzierung sind dann schnell hervorgezauberte Schlagworte, die im Schulalltag bei den Klassengrößen (im Durchschnitt mind. 25 Schüler) nicht wirklich realisierbar sein werden.
Fazit: Aus pädagogischer Sicht lehne ich aus Gründen der bestmöglichen Förderung die Abschaffung des dreigliedrigen Schulsystems zwar ab, sehe jedoch das Wahlverhalten der Eltern. Demnach ist die einzige nicht gefährdete Schulform, die auch explizit alle anderen Schulformen umfassen soll, die Gesamtschule. Dort sehe ich trotz der Größe eines solchen Systems die Interessen unserer Schüler noch am ehesten gewährleistet. Eine Sekundarschule ist eine große Mogelpackung, weil die Landesregierung die Gymnasien nicht angreifen mag. Wenn man sich aber gegen das dreigliedrige Schulsystem ausspricht, ist das Modell Gesamtschule die einzige logische Konsequenz. Bei allen anderen Gedankengängen bleiben die Schüler der Hauptschule, die sicherlich nicht dümmer sind als andere Schüler, dort auf der Strecke, wo man ihren praktischen Stärken nicht gerecht werden kann. Dies ist für mich in einer kleinen Sekundarschule, die nach gymnasialen Standards unterrichtet, eindeutig der Fall!
Wenn ich nun davon ausgehe, dass die meisten Gymnasialeltern ihre Kinder zum Gymnasium schicken wollen, frage ich auch nach dem gemeinsamen Lernen mit diesen Kindern. Beraubt man die Realschüler dann nicht der Gelegenheit, mit Gymnasialkindern gemeinsam lernen zu können?
Arthur Siemes